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„Ich sehe eine Chance für Humanismus“

Prof. Dr. Jürgen Seitz, Mitglied der BVDW-Expertenrunde für Künstliche Intelligenz

Im aktuellen Gründerszene-Report "New Work" erläutert Professor Dr. Jürgen Seitz, Mitglied der Expertenrunde für Künstliche Intelligenz im BVDW, Anwendungsfelder von Chancen Künstlicher Intelligenz für die Wirtschaft. Auf dieser Seite zeigen wir einen Auszug des Interviews. BVDW-Mitglieder erhalten bei Kauf des vollständigen Reports über diesen Link 20 Prozent Rabatt.

Gründerszene: Jürgen, in den KI-Leitlinien des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) steht, dass Unternehmen der digitalen Wirtschaft konkrete Anwendungsfelder für die Künstliche Intelligenz (KI) identifizieren müssen. Wie soll das funktionieren?

Jürgen Seitz: Es wird heute viel über KI als eine Art Über-Technologie gesprochen. Mögliche ethische Dilemmas der Superintelligenz werden breit diskutiert oder der Kampf um die KI-Weltherrschaft mit China wird ausgerufen. Das ist wenig hilfreich und macht vor allem Angst. Wir haben im KI-Bereich bisher vor allem einen Durchbruch im Teilbereich Machine Learning, um genauer zu sein im Deep Learning. Hier spielt aktuell die Musik. Die Chancen liegen in konkreten Anwendungsfeldern für diese Verfahren z.B. in der Nutzung für bessere Produkte, einfachere Prozesse und klügere Entscheidungen.

Deshalb ist das Thema KI-Anwendung, die sogenannte applied AI, auch als erstes in unseren Leitlinien genannt – noch vor Ethik, Forschung und Budgetforderungen. Wir müssen sicherstellen, dass wir als deutsche Wirtschaft weiterhin Produkte haben, die Kunden begeistern. Die konkrete Anwendung von KI ist hier der Schlüssel für den Erfolg. Auch gesellschaftlich wird viel zu wenig über positive Szenarien diskutiert. Wie viele Todesfälle im Gesundheitssystem können wir z.B. durch KI-Einsatz verhindern? Die Apple Watch rettet heute ja bereits Leben.

Passiert das denn so wenig?

Jürgen Seitz: Wer sich Statistiken anschaut, sieht an allen Stellen, dass Deutschland in der Anwendung von KI einen großen Aufholbedarf hat. Nehmen wir etablierte Firmen:  Laut BCG nutzt knapp die Hälfte der deutschen Unternehmen KI. Klingt eigentlich OK, aber nur ein Fünftel nutzten es bereits produktiv. Der Rest sind Pilotprojekte. In China sprechen wir von 85 Prozent der Firmen mit fast einem Drittel produktiver Anwendung. Bei Start-ups ist es noch gravierender: Laut Roland Berger sprechen wir in Deutschland von etwas über 100 relevanten AI-Start-Ups; im kleinen, aber unternehmerischen Israel sieht Berger fast die vierfache Menge. Die USA haben locker Faktor 10. Wer sich dann die israelische KI-Startup-Landschaft genauer anschaut, findet außerdem in fast jeder Branche KI-basierte Lösungen. Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft und Mobilität – alles wird adressiert. In Deutschland ist das AI-Start-up Feld viel enger. Wir brauchen mehr AI-Startups jenseits von Fintech, Marketing und E-Commerce.

Was heißt das für die deutsche Wirtschaft, was gilt es zu tun?

Jürgen Seitz: Das Wichtigste ist zu schauen, welche aussichtsreichen Nutzungsszenarien es gibt. Nehmen wir zum Beispiel den Bildungsbereich: Wer hier in Deutschland ein Startup sucht, das sich mit KI beschäftigt, wird relativ wenig finden – auch bei uns im Verband. Das Feld wird als unglaublich schwierig gesehen und deshalb nicht oder nur sehr konservativ angegangen. Beim Lernen kann uns KI aber signifikant helfen.

Und wie funktioniert diese genau?

Jürgen Seitz: Ich gebe Dir ein Beispiel: Es gibt heute bereits Software, die Bewertungen vornimmt und hilfreiches Feedback an jeden einzelnen Studenten gibt. Das funktioniert durch KI-basierte Analyse der Videoaufzeichnungen von Präsentationen. Ein Team hält eine Präsentation und nimmt diese per Video auf.  Eine KI kann den Präsentierenden anschließend Tipps geben: Da hast du weggeschaut, da hast du rumgetänzelt et cetera.  Kein einzelner Dozent kann das bei über 100 Studenten in dieser Qualität leisten. Was für ein Potenzial für beschleunigtes Lernen. Natürlich kommt die Idee aus Israel, dort ist KI-basierte Edtech bereits ein eigenes Start-up Feld. Zu Konferenzen für dieses Spezialthema kommen mehrere hundert Teilnehmer.

16.05.2019 / Tim Sausen / Pressesprecher Wirtschaft und Politik
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