"Ärzte und Krankenkassen schlagen schon Alarm"

Veröffentlicht am: 23.06.2017

Beim BVDW-Event "Arbeitswelt der Zukunft" am 21. Juni in Berlin sprach Markus Albers, Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Rethink sowie Mitgründer von Neuwork, über digitale Erschöpfung und die Zukunft des Arbeitens. Mit dem BVDW sprach er anschließend darüber, was das bedeutet, wie sich die Veränderungen der Arbeitswelt auf die Leistungsfähigkeit auswirken und was er Mitarbeitern und Managern empfiehlt.


Markus Albers (Foto: BVDW)

Thema deines Vortrages war "digitale Erschöpfung". Was ist denn das Hauptproblem und wie müssen wir arbeiten, damit wir die Kontrolle über unser Leben behalten?

Markus Albers: "An Tagen, die aus einem Dauer-Feuerwerk aus E-Mail, Chats, Skype-Sessions, Pings der Kollaborations-Software und Telefonaten bestehen, sind wir abends oft sehr erschöpft, geradezu mental ausgelaugt, waren aber trotzdem kaum produktiv. Das eigentliche „Machen“, also: Kreativ sein, Ideen haben, aber auch Ideen umsetzen, produzieren – all das müsste nun erst beginnen, aber natürlich geht das nicht mehr. Wir haben dann den ganzen Tag kommuniziert und reagiert, aber nichts geschafft – oder gar geschaffen. Paul Graham, Gründer des berühmten Inkubators Y Combinator, hat dafür einmal die schöne Unterscheidung zwischen dem kurzatmigen, von Meetings und Unterbrechungen gekennzeichneten „Manager Modus“ und dem „Maker Modus“ eingeführt. Letzterer erlaubt lange, nicht unterbrochene Phasen der Konzentration auf eine Aufgabe. Leider arbeiten wir heute fast alle im Manager Modus, und das ist ein wachsendes Problem."

Ist das ein individuelles Problem oder ein gesellschaftliches?

Markus Albers: "Es mehren sich die Zeichen, dass das emanzipatorische Potential des Digitalen im Alltag an seine Grenzen stößt. Die Hoffnung vieler Menschen, dass Technologie uns ein besseres Leben ermöglichen kann (mehr Kontrolle über die eigene Zeit, mehr Flexibilität, mehr Selbstverwirklichung), weicht zusehends der Ernüchterung. Insofern ist die Digitale Erschöpfung, von der ich spreche, eine doppelte. Gemeint ist sowohl die konkrete, individuelle Erschöpfung, die das Always-On des Digitalen in uns Menschen auslöst. Aber ebenso die abstrakte, begriffliche eines sich erschöpfendenden Heilsversprechens."

Du hast ja auch ein gleichnamiges Buch zum Thema „digitale Erschöpfung“ geschrieben, das im August erscheint. Was empfiehlst Du denn Unternehmern und Managern, wie sie das Problem angehen können?

Markus Albers: "Das größte Problem ist aus meiner Sicht eine Arbeitswelt, die das Neue einführt, aber zugleich am Alten festhält. Stark vereinfacht: Wir sollen abends um 23 Uhr noch E-Mails beantworten, aber morgens um 9 Uhr schon wieder am Schreibtisch sitzen. Beides zusammen macht die Menschen aber kaputt. Ärzte und Krankenkassen schlagen schon Alarm. Die drei großen Trends im Neuen Arbeiten sind erstens neue Kommunikationsplattformen und Kollaborationstools einzuführen. Zweitens überall Wände rauszureißen werden, weil man sich im Open-Plan-Office ja so viel besser austauschen kann. Und drittens eine Kultur zu etablieren, die Menschen implizit zu ständiger Erreichbarkeit zwingt, auch wenn explizit vielleicht anderes gesagt wird. Wissensarbeiter verbringen aber schon heute 70 bis 85 Prozent ihrer Arbeitszeit in Meetings, mit E-Mails, Kollaborationstools und Telefonaten. Gerade aus großen Konzernen höre ich ständig die Klage: Ich bekomme hunderte von Mails am Tag. Ich kann die gar nicht beantworten, weil ich permanent in Telcos hänge. Und jetzt wollen die auch noch ein Kollaborationstool anschaffen. Diese Menschen haben resigniert. Viele lesen ihre Mails kaum noch, und das kann ja auch nicht die Antwort sein. Wir brauchen also den Raum, mal abzuschalten, neu aufzuladen, den Blick vom Bildschirm zu erheben und schweifen zu lassen. Im Moment geschieht in vielen Unternehmen das Gegenteil: Wir opfern die Kontemplation auf dem Altar des Götzen Kollaboration. Dass diese aber keineswegs automatisch zu besseren Arbeitsergebnissen führt, ist durch viele Studien bewiesen. Individuen entwickeln eine größere Menge origineller Ideen, wenn sie nicht mit anderen interagieren. Und ein kollaborativer Designprozess reduziert laut MIT die Kreativität der Ergebnisse, weil er dazu tendiert, existierende erfolgreiche Ansätze inkrementell zu modifizieren, anstatt radikal andere zu erkunden."

 
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